Die digitale Bildbearbeitung als Weg zur Gleichberechtigung von Malerei und Photographie

Die Digitalisierung der Fotografie ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass die klassische Fotografie auf lichtempfindlichen chemischen Materialien allmählich zur Randerscheinung wird. Hiermit verbunden sind sowohl  gestalterische als auch thematische Wandlungen.

Aus meinen Betrachtungen ausklammern möchte ich von vornherein die digitalisierte Amateurfotografie. Eine kleine Digitalkamera ist bald im Besitz eines jeden Haushalts, der Marktanteil hochwertiger digitaler Spiegelreflexkameras nimmt auch immer mehr zu. Es werden Urlaubsbilder “geknipst” und anspruchsvoller gestaltete Fotografien angefertigt. Die digitale Bearbeitung der Aufnahmen ist für den Amateur eine mehr oder weniger praktizierte Möglichkeit der Verbesserung der Bildqualität: im einfachsten Fall Retusche von roten Augen, dann aber auch Beseitigung von störenden Bildelementen, Verbesserung der Farbqualität, Steuerung des Bildkontrastes zwecks Steigerung der Bildwirkung. In manchen Fällen werden dann auch “Phantasiebilder” zusammenkomponiert, indem zum Beispiel in eine idyllische, wegen der Mittagshitze aber leere Gasse eines toskanischen Dorfes eine vor sich hin dösende Katze hineinkopiert wird, die der Fotograf sich bei seinem Nachbar zuhause mal eben ausgeliehen hat. Oder es werden regelrecht surreale Bilder konstruiert, indem zum Beispiel in den Saal einer Burg Kronleuchter, Gespenster, Rittersleute usw. hineinkopiert werden - der Saal mit einem oder zwei Rittern vor Ort aufgenommen, das meiste Zubehör aber irgendwo anders separat aufgenommen. Von solchen “Spielwiesen” der Amateurfotografie soll hier nicht die Rede sein!

Sieht man die Photographie aber unter der Zielsetzung, Inhalte, Aussagen oder Empfindungen bildnerisch zu gestalten, und zwar mit Hilfe der fotografischen Geräte und nicht mit Pinsel, Farbe und Leinwand, dann eröffnet die Digitalisierung des Bildes neue künstlerische Möglichkeiten und erlaubt eine Annäherung von Malerei und Photographie.

Das fängt im einfachsten Fall mit der Steuerung von Kontrast und Helligkeit an. Beispiel: die triste Stimmung einer Vorstadtsiedlung, dokumentarisch fotografiert an einem Tag mit bedeckten Himmel, läßt sich durch die Bearbeitung am PC noch etwas stimmiger machen als sie bei der Aufnahme schon war. Warum sollte das nicht legitim sein? Der Maler mit Pinsel und Farbe macht es ja im Prinzip genauso. Er kann seine Farben mischen, wie es ihm stimmig erscheint. Er könnte theoretisch dieses Motiv bei gutem Sonnelicht skizzieren, seine Gefühle zu diesem Motiv dann aber in seinem Atelier mit Hilfe der richtigen Farbwahl umsetzen. Ob er es so macht, oder nicht doch besser an einem trüben Tag diese Vorstadt aufsucht um direkter zu empfinden ... ich weiß es nicht, den ich bin ja kein Maler. Der Photograph dürfte bei einem entsprechenden Vorgehen schon wieder an gewisse Grenzen stoße. Mir ist es jedenfalls noch nicht gelungen, am PC aus einem Bild, das bei Sonnenschein aufgenommen wurde, eine triste Regentagstimmung entstehen zu lassen.

Steuerung von Farbe und Kontrast eines photographischen Bildes war natürlich auch schon vor der Digitalisierung möglich. Farbmischköpfe der Vergrößerungsgeräte, Auswahl der richtigen Photopapiere, Entwicklungszeiten und manch anderer chemischer Trick machten es möglich, verbunden mit vielen und teuren Fehlversuchen. Am PC geht alles etwas einfacher, etwas schneller und viel kostengünstiger. Nicht unbedingt sehr viel schneller, denn um die anspruchsvollen Bildbearbeitungsprogramme richtig bedienen zu können, braucht man schon recht viel Einarbeitungszeit und im konkreten Fall auch noch einige Zeit für das Herumprobieren!

In anspruchsvolleren Fällen lassen sich mit der digitalen Bildbearbeitung ganz neue photographische Gestaltungsmöglichkeiten finden, die vielleicht mittels klassischer Dunkelkammertechnik auch machbar gewesen wären, aber eben unter weitaus ungünstigeren Voraussetzungen. Die Freiheiten der Gestaltung sind groß - und ich sehe die Möglichkeit gegeben, zu stilistisch neuen Photographien zu gelangen.

Der Maler hat m. E. grundsätzlich völlige Freiheiten bei der Ausarbeitung seiner Bildideen. Der Photograph dagegen ist schon im ersten Moment seiner Bildgestaltung an das vorgefundene Motiv gebunden. Das Licht und die Objekte seines Motivs sind im Moment der photographischen Aufnahme feststehend und unveränderlich. Das läßt sich schon aus systemimmanenten Gründen nicht grundlegend ändern, aber durch die digitale Bildbearbeitung ist der Weg zu teils deutlichen Manipulationen offen. Ideen, die den Ausdruck eines Bildes beeinflussen, lassen sich nunmehr auch für den Photographen realisieren. Natürlich wird der gezielt arbeitende Photograph unter vorausschauender Berücksichtigung der gegebene Manipulationsmöglichkeiten an das Motiv bei der Aufnahme herangehen. Aber hat nicht auch der Maler solche Überlegungen im Sinn, wenn er seine Staffelei aufbaut und seine Farbtuben auspackt?

Ich will das zuvor Gesagte noch an zwei Beispielen aus meinen photographischen Arbeiten veranschaulichen.

Ich nehme zunächst ein Bild aus meinerSerie Unschärferelationen. Es wurde noch  auf klassischen Diafilm aufgenommen, aber schon in der Absicht, es einzuscannen und digital zu bearbeiten. Schon bei der Aufnahmen wurde die Kamera unscharf eingestellt, die Lichtverhältnisse waren relativ “neutral”, also weder ausgeprägter Sonnenschein, noch Regentagsstimmung. Es entstand ein relativ “flaches” Bild. Am PC wurde dann die gewünschte Wirkung (auffällige Farbigkeit der geometrischen Flächen) durch Veränderung von Kontrast, Helligkeit und Gamma-Wert sowie weiter Unschärfung (“Gaußsche Unschärferegulierung) erreicht.

Als zweites Bild eine Arbeit aus der Serie “unwirkliche Welt”. Schon im Titel dieser Serie kommt das manipulative Vorgehen zu Ausdruck. Der Berg ist nämlich in Wirklichkeit ein einfacher Sandhaufen. Um ihn zu einem unwirklichen Berg werden zu lassen waren viele Arbeitsgänge nötig, die ich hier nicht näher verraten möchte, aber es wurde - nach Entfernung störender Umgebungsobjekte, die die “Wahrheit” hätten erkenne - lassen u. a. vom Positiv ins Negativ umkopiert und schließlich das Gipfelkreuz samt Wolken einmontiert.

Ich stand lange Zeit der digitalen Bildbearbeitung skeptisch gegenüber. Zum Teil, weil mir manche Möglichkeiten noch unbekannt waren, zum Teil, weil mir die - eingangs beschriebenen - manipulativen Möglichkeiten der besseren Amateurphotographen als spielerischer Selbstzweck erschienen, denen ich keinen photographisch künstlerischen Wert abgewinnen konnte. Jetzt denke ich ganz anders und  sehe mich von manchen Fesseln befreit, so dass ich im gewissen Maß wie ein Maler, der ich eigentlich schon immer sein wollte, arbeiten kann.

Werner Sator, im September 2009

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